9. Türchen im Seenotrettungs-Adventskalender

Stumme Fragen

9. Dezember: Stumme Fragen

Martin Kolek (53) arbeitet in Norddeutschland als Musik-, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Mehrmals war er mit Schiffen der Sea-Watch im Mittelmeer unterwegs. Das Foto, das ihn mit einem tot geborgenen Säugling zeigt, ging um die Welt.

Stumme Fragen

Vielleicht eine Seemeile lang trug ich die kleine Leiche ganz nah an mir, mit meinem Körper die Wellen ausbalancierend — damit ihr nichts zustoße. Einerseits wusste ich, dass das Kind tot war, andererseits fühlte ich, dass es etwas in mir auslöste, dass ich es festhielt ... Mir war nach Schreien — ich wusste nicht wohin mit uns beiden — dieses Kind hätte die Schönheit dieser Welt kennenlernen können.

Es war so ruhig, aber ich hörte es permanent fragen: “Was ist los mit euch auf diesem Planeten, dass ich hier ertrinke?“

Keiner sprach — mit klaren, ernsten Augen, angespannten Körpern, die lautlos weinten. Wenn es überhaupt Sinn macht, auf der Welt aktiv zu sein, dann für die Zukunft — für diese kleinen Kinder. Dieses war tot, aber ich hielt es im Arm — und ich wollte ihm die Ruhe geben, sich zu verabschieden und wenigstens uns seine stummen Fragen mitzugeben. Stille im Boot — dies blieb so, auch als wir uns dem Schnellboot des italienischen Küstenwachschiffes der Marine, Nave Vega, näherten: Stille. Vier Männer, zwei jüngere, die das Boot führten, zwei ältere in schwarzen Kampfschwimmeranzügen. Sie starrten still auf das Kind in meinen Armen.

Ein weiteres Kind, ein kleines Mädchen, hatte ich später im Arm, die Leichenstarre hatte eingesetzt. Ihre Augen waren geöffnet, Wasser lief aus ihren Ärmeln auf meine Arme. Ihr rechter Arm war lang und starr ausgestreckt, sie hatte offenbar Todesangst durchlebt. Ihre Hand war halb geöffnet und ab und an berührte diese mein linkes Ohr, so wie kleine Kinder es gelegentlich tun. Der Tod war um uns herum, überall. Unsere nackte Angst sucht sich ja immer etwas, auf das wir uns dann stürzen oder das wir bekämpfen können. Hier war es einfach: Wir hatten zu tun, wussten, was gerade anstand.

Foto: © Christian Büttner

Alle Erzählungen dieses Adventskalenders beruhen auf realen Erlebnissen. Einige Namen wurden von der Redaktion geändert oder nicht vollständig genannt.