7. Türchen im Seenotrettungs-Adventskalender

Es war die Hölle

7. Dezember: Es war die Hölle

Charles ist 29 Jahre alt. Er lebt in Hamburg und ist mit einer Deutsch-Ghanaerin verheiratet. Vor zehn Jahren floh er aus seinem Heimatland.

Es war die Hölle

Ich war Fischer. Ich kenne und liebe das Meer. Aber meine Flucht über das Meer will ich vergessen. Ich spreche nicht gern darüber.

Ich komme aus Ghana. Aha, sagen viele Menschen, ein Wirtschaftsflüchtling. Und sie haben sogar Recht: Ich wäre gern in meiner Heimat geblieben, aber der Fischfang lohnte sich nicht mehr. Unser Dorf an der Küste Ghanas war am Ende. Die großen internationalen Fischtrawler draußen fingen alles ab. Für uns blieb nichts. Es gab kein Einkommen mehr für uns Fischer.

Meine Familie verkaufte ihre drei Boote und schickte mich mit dem Geld auf die Flucht. Nach Europa wollte ich. Ich hatte gehört, dass zwischen Marokko und Spanien nur 14 Kilometer Meer liegen, das erschien mir nicht viel. Also bin ich durch verschiedene afrikanische Länder, an der Küste entlang nach Norden. Viele Grenzen und viele korrupte Beamte. Schon das war hart.

Die Überfahrt übers Meer aber war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Es war die Hölle! 14 Kilometer und eine sehr starke Strömung, wir trieben ab. Drei Tage brauchten wir bis an das europäische Festland. Etwa 50 Menschen in einem alten Schlauchboot, die Füße immer im Wasser. Der Wind, die Kälte — die unglaubliche Kälte, die dir in den ganzen Körper kriecht, trotz Sonnenschein. Ein Mann neben mir kippte völlig übermüdet und unterkühlt aus dem Boot, das Meer gab ihn nicht mehr frei. Du hast Hunger und Durst, bist vom Wasser umgeben, aber kannst es nicht trinken. Dein Verstand setzt irgendwann aus. Du wirst apathisch. Ich selbst wäre fast erfroren.

Als wir in Spanien ankamen, sind wir über den Strand gelaufen. Möglichst weit und möglichst schnell ins Landesinnere. In Sicherheit.

Ich würde so was nie wieder machen.

Alle Erzählungen dieses Adventskalenders beruhen auf realen Erlebnissen. Einige Namen wurden von der Redaktion geändert oder nicht vollständig genannt.