6. Türchen im Seenotrettungs-Adventskalender

Die Kirche mit dem Rufzeichen PE7089

6. Dezember: Die Kirche mit dem Rufzeichen PE7089

Thorsten Kliefoth ist 53 Jahre alt und Notfallsanitäter. Seit vier Jahren ist er aktiv in der Seenotrettung im Mittelmeer. Er lebt in der Nähe von Itzehoe in Schleswig-Holstein.

Die Kirche mit dem Rufzeichen PE7089

Kennen Sie eine Kirche, die 50 Meter lang, zwölf Meter breit und selten am selben Ort ist? Eine, die nicht St. Ansgar, Michaelis oder Nikolai heißt, sondern sich über Seefunk mit dem Rufzeichen PE7089 meldet?

Am Sonnabend, den 27. Januar 2018, war die Sea-Watch 3 noch keine Kirche, sondern ein Rettungsschiff — ungefähr 30 Seemeilen nördlich der libyschen Küste. Etwa 300 Menschen aus Eritrea haben wir an diesem Tag von einem völlig überladenen, maroden Holzboot gerettet. Flüchtlinge nennt man sie oft.

Wenn sie an Bord sind, nennt die Crew sie Gäste. Denn hier soll Schluss sein mit Flucht, Folter, Angst und Rechtlosigkeit. Hier sollen sie sich sicher und willkommen fühlen.

Das Achterdeck der Sea-Watch 3 ist oft Schlafsaal, Versammlungsraum, Kantine, manchmal auch Sportplatz. Als Kirche aber hatte ich es noch nie wahrgenommen. Bis zu dem Sonntag nach der Rettung der Eritreer, als unsere Gäste uns zu Gästen ihres Gottesdienstes machten.

Trotz aller Ungewissheit haben sie sich wenigstens bei uns an Bord sicher gefühlt und fröhlich gefeiert. Vielen Dank für dieses bewegende Erlebnis, die unvergesslichen Lieder und einen ganz anderen Blick auf das Achterdeck.

Alle Erzählungen dieses Adventskalenders beruhen auf realen Erlebnissen. Einige Namen wurden von der Redaktion geändert oder nicht vollständig genannt.