3. Türchen im Seenotrettungs-Adventskalender

Wir waren nicht darauf vorbereitet

3. Dezember: Wir waren nicht darauf vorbereitet

Fiete Sturm (38) ist Seemannsdiakon in Hamburg. Die folgende Geschichte wurde ihm von einem philippinischen Seemann erzählt. Der Seemann möchte anonym bleiben.

Wir waren nicht darauf vorbereitet

Unser Containerfrachter war auf dem Weg nach Korea. Seit wir das zentrale Mittelmeer erreicht hatten, waren alle an Bord angespannt. Obwohl — oder weil — das Wetter gut und die See ruhig war. Denn an solchen Tagen war es in der Vergangenheit öfter vorgekommen, dass wir hier auf Flüchtlinge in Seenot trafen. Auch dieses Mal hatten wir bereits Hinterlassenschaften von Menschen auf der Flucht im Meer treiben gesehen. Ein plattes, verlassenes Schlauchboot, private Habseligkeiten und auch einen kleinen, pinken Rucksack. Am Abend des nächsten Tages erspähte der wachhabende Offizier im Wasser treibende Menschen. Einige klammerten sich an die Überreste eines havarierten Bootes, manche trieben mit Schwimmwesten im Wasser. Wir meldeten den Zwischenfall über Funk an die maltesischen Behörden und machten uns bereit zur Rettung.

Ein knapp 300 Meter langes Schiff ist nicht so einfach zu wenden oder auch nur zum Stillstand zu bringen. Wir mussten etwas abseits der Unglücksstelle zum Stehen kommen, sonst hätten wir versehentlich die Menschen unten überfahren oder in den Sog des Schiffes ziehen können. Wir ließen die Gangway und eine Leiter an der 20 Meter hohen Schiffswand herab. Zwei von uns zogen sich ein Sicherheitsgeschirr an und machten sich bereit, den Schiffbrüchigen aus dem Wasser zu helfen. Wir schafften es, alle an Bord zu nehmen. Das war nicht einfach — unser Schiff ist nicht darauf ausgelegt, auf offener See Menschen zu retten. Einer meiner Kollegen fiel selbst ins Wasser, als einer der Flüchtlinge ihn in Panik von der Gangway zog. Wir konnten aber beiden wieder hochhelfen. Eine Frau war bereits tot. Sie trieb neben dem Boot in ihrer Schwimmweste. Wir sahen davon ab, auch sie an Bord zu nehmen — wir wollten kein Leben mehr für eine Leiche gefährden.

Wir waren nicht darauf vorbereitet, mehr als uns selbst zu versorgen. Mit knapp 50 zusätzlichen Menschen an Bord fehlte es an Decken, an Nahrung, an Wasser. Bis nach Malta fuhren wir, um „unsere“ Flüchtlinge von Bord zu lassen. Ein sicheres Umsteigen auf See wäre nicht möglich gewesen. Beim Abschied bedankten sich viele überschwänglich bei uns. Auf der Weiterfahrt merkte ich, wie sehr das Ereignis an uns allen zehrte. Bis wir das Mittelmeer verlassen hatten, waren wir stiller und müder als zuvor.

Ich habe meine Agentur gebeten, mich nicht wieder auf einer Route durchs Mittelmeer einzusetzen. Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal ertragen könnte, tote Menschen im Meer treiben zu sehen.

Alle Erzählungen dieses Adventskalenders beruhen auf realen Erlebnissen. Einige Namen wurden von der Redaktion geändert oder nicht vollständig genannt.