2. Türchen im Seenotrettungs-Adventskalender

Solange wir dabei sind, wird niemand sterben

2. Dezember: Solange wir dabei sind, wird niemand sterben

Yusra Mardini (21) aus Syrien ist 2015 als 17-Jährige mit ihrer Schwester über das Mittelmeer nach Europa geflohen. Die beiden Schwimmerinnen zogen das manövrierunfähige Boot über Stunden durch das Wasser. 2016 reiste sie als Teilnehmerin des Refugee Olympic Teams zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro. Yusra Mardini lebt und trainiert heute in Hamburg. Ihre Schwester Sara ging 2017 nach Lesbos, um dort, wo sie selbst zwei Jahre zuvor angekommen war, anderen Flüchtlingen zu helfen. Wegen ihres Engagements wurde sie in Griechenland über drei Monate inhaftiert. Seit ihrem Freispruch studiert sie in Berlin.

Solange wir dabei sind, wird niemand sterben

Ich springe ins glitzernde Wasser. „Yusra! Verdammt, was hast du vor?“ Ich achte nicht auf meine Schwester und tauche unter den Wellen durch. Das brüllende Meer übertönt das laute Pochen meines Herzens. Als ich wieder an die Oberfläche komme, höre ich aus dem Boot über mir verzweifeltes Beten. Ich greife nach der Leine und versuche, das Ufer zu erspähen. Europa ist bereits in Sicht. Langsam senkt sich die Sonne über der Insel. Es herrscht starker Wind, die Passagiere schreien und kreischen, als sich das Boot in der Brandung im Kreis dreht. Der Afghane zerrt mit aller Kraft am Starterseil; der Motor stottert, aber er springt nicht an. Er ist kaputt. Wir sind allein, der tobenden See ausgeliefert.

Ich reiße die Augen auf. Neben mir im stürmischen Wasser hat meine Schwester den nächsten hohen Wellenkamm entschlossen im Blick. Die Leine schneidet mir in die Handflächen. Halt dich bloß fest. Bleib am Leben.

Wie war es dazu gekommen? Wann hat unser Leben seinen Wert verloren? Alles zu riskieren, ein Vermögen zu bezahlen, um in ein überfülltes Boot steigen zu dürfen und auf dem Meer unser Glück zu versuchen – war das wirklich der einzige Ausweg? Die einzige Chance, den Bomben zu Hause zu entfliehen?

Die Brandung rollt und hebt sich. Unberechenbare Wellen schleudern meinen Kopf gegen die Bootswand. Salzwasser brennt mir in den Augen, dringt in den Mund, die Nase. Der Wind weht mir das Haar um den Kopf. Kälte kriecht in meinem Körper nach unten, frisst sich durch bis in die Füße, die Waden, die angespannten Muskeln. Ich fühle, wie sich meine Beine verkrampfen.

„Yusra, komm zurück ins Boot!“

Ich packe die Leine noch fester. Auf keinen Fall lasse ich meine Schwester allein. Solange wir dabei sind, wird niemand sterben. Wir sind Mardinis. Und wir schwimmen.

Foto: © UNHCR/Jordi Matas. Aus: Yusra Mardini: Butterfly (2018) Knaur Verlag

Alle Erzählungen dieses Adventskalenders beruhen auf realen Erlebnissen. Einige Namen wurden von der Redaktion geändert oder nicht vollständig genannt.