11. Türchen im Seenotrettungs-Adventskalender

Wir werden nicht aufhören zu erinnern

11. Dezember: Wir werden nicht aufhören zu erinnern

Marily Stroux (69) ist Fotojournalistin aus Hamburg. Sie hat die Geschichten von Menschen, die die Flucht über das Meer überlebt haben, dokumentiert. Für die, die nicht überlebt haben, hat sie mit anderen ein Mahnmal auf der griechischen Insel Lesbos errichtet.

Wir werden nicht aufhören zu erinnern

Das Meer ist glatt und ruhig. Am Horizont erkennen wir sogar die Häuser gegenüber im türkischen Ayvalik – etwas weiter weg liegt Izmir. Eigentlich eine wunderschöne Meerenge; eine Grenze, die zum Grab für Hunderte von Menschen geworden ist. Wir sind auf Lesbos, im kleinen Dorf Thermi, wo Fischer seit Jahren Ertrunkene aus dem Meer holen. Wir von Welcome to Europe haben hier am Ufer eine Gedenkstätte aufgebaut.

Auf einer Gedenktafel stehen die Namen von Ertrunkenen, darunter kleine Kinder, Mütter, Jugendliche. Auch die Namen der Mitreisenden von Sylvie und Joelle aus dem Kongo stehen darauf. Im April 2017 sank vor Lesbos ein Boot mit 24 Menschen. Nur die beiden Frauen überlebten. 14 Stunden trieben sie mit ihren Rettungswesten im Wasser, ohne schwimmen zu können. Joelle war damals im achten Monat schwanger. Jedes Jahr kommen sie seitdem zum Memorial, um für ihre Rettung zu danken und an die Gestorbenen zu erinnern.

Dieses Jahr sagte Sylvie in Thermi: „Die vielen Stunden im Wasser war ich sicher, dass ich überleben würde. Es war der starke Glauben daran, der mir Kraft gab auszuhalten, bis endlich Hilfe kam. Ich möchte mit euch allen mein Gefühl teilen, dass es Hoffnung auf Überleben gibt, auch im schwierigsten Moment. Ich möchte alle unterstützen, die so leiden, nicht aufzugeben und weiter daran zu glauben, dass es Rettung geben wird.”

Auch Baris, ein junger kurdischer Geiger, war auf dem Boot. Er wollte nach Belgien und dort Musik studieren, bekam aber kein Visum. Sein Körper wurde gefunden, wie er seine Geige umarmte. Seine Freunde aus Belgien spielten ein kurdisches Trauerlied für ihn.

In Gedenken an Baris und alle, die ihr Leben verloren haben auf der Suche nach einem sicheren Ort in Europa werden wir nicht aufhören, an diese verlorenen Leben zu erinnern und ihre Namen zu nennen.

Foto: © Marily Stroux

Alle Erzählungen dieses Adventskalenders beruhen auf realen Erlebnissen. Einige Namen wurden von der Redaktion geändert oder nicht vollständig genannt.