10. Türchen im Seenotrettungs-Adventskalender

Mein Weg über das Mittelmeer

10. Dezember: Mein Weg über das Mittelmeer

Merihsenay Kubrom ist 26 Jahre alt und wurde 2015 aus Seenot gerettet. Er war aus Eritrea über Äthiopien, den Sudan und Libyen geflohen. Erst als seine Familie Lösegeld bezahlte, wurde er aus dem Lager in Libyen freigelassen und konnte sich auf den Weg nach Europa machen. Heute lebt er in Hamburg.

Mein Weg über das Mittelmeer

Wir waren eingesperrt. In der riesigen Halle waren wir etwa 2000 Menschen. Kinder, Frauen und Männer. Wir hatten schrecklichen Hunger und Durst. Es war so eng, dass wir im Sitzen oder Hocken schlafen mussten. In der Zeit, in der ich in der Halle war, starben um mich herum ungefähr 30 Menschen. Es war eine furchtbare Zeit.

Als wir hörten, dass es ein Schiff für uns gibt, sind wir vor lauter Freude aufgesprungen. Insgesamt drei Monate waren wir eingesperrt gewesen, ohne den Sonnenschein zu sehen und frische Luft zu bekommen.

Ich habe mich darauf gefreut, endlich wegzukommen – bis ich erkennen musste, dass es noch schlimmer werden sollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie gefährlich es werden würde.

Das Boot lag etwa 50 Meter vom Strand entfernt. Das Meer war unruhig, und das Schiff schwankte gefährlich hin und her. Die Kinder weinten, wir waren alle nass geworden und froren. Es war den Menschenhändlern egal. Jeder hatte eine Waffe und sie waren betrunken, nahmen die ganze Zeit Drogen.

Endlich waren wir alle auf dem Schiff. Mit 550 Leuten starteten wir über das Mittelmeer. Wir waren auf drei Decks aufgeteilt. Oben standen die Menschen an der frischen Luft, die unter Deck waren sehr eng eingepfercht. Sie bekamen kaum Luft. Fast alle haben sich übergeben.

Nachdem wir etwa zehn Stunden auf dem Wasser waren, ging der Motor kaputt. Die Frauen schrien und weinten, aber auch wir Männer hatten Angst. Es brach eine Panik aus. Ein arabischer Schiffsführer konnte den Motor schließlich reparieren.

Nach 17 Stunden sahen wir einen Hubschrauber. Wir machten mit der Hand Zeichen, damit sie uns helfen. Aber er flog wieder weg.

Später kam ein großes Schiff. Es stoppte etwa 50 Meter von uns entfernt und gab laute Signale. An Bord standen Männer mit Waffen. Mit zwei kleinen Booten kamen sie zu uns. Sie stellten uns viele Fragen, wo wir herkommen. Wir antworteten.

Sie sagten uns dann, dass einer von uns das Boot an das große Schiff anhängen solle. Sonst könnten sie uns nicht weiterhelfen. Es wurden uns zwei Seile zugeworfen. Damit haben wir unser Schiff an dem großen Schiff befestigt. Das war gefährlich und viel Arbeit.

Sie haben uns so bis nach Sizilien gezogen. Dort durften wir aussteigen und wurden medizinisch betreut. Das war der Beginn unserer neuen Zukunft.

Alle Erzählungen dieses Adventskalenders beruhen auf realen Erlebnissen. Einige Namen wurden von der Redaktion geändert oder nicht vollständig genannt.